Der Schlüssel? Ja, wie ich an den gekommen bin ist eine ganz andere Geschichte. Mich hatte die Neugier gepackt, so viel war sicher, wenn ich schonmal die Karte besaß brannte ich darauf zu wissen, ob es diesen Schlüssel überhaupt gibt.
Es ging, wie so oft, um einen Automaten, einen Blechdoiden, wenn man so will, ein uraltes Modell aus dem man sich Eier ziehen konnte, eine merkwürdige Erfindung. Auf #3 fand man hin und wieder noch eins von den ganz alten Dingern und ich hatte in Erfahrung gebracht, dass ich genau hier auch suchen musste, auf dem kleinen, hochmodernen #3,7. Ich begab mich in eine der drei Metropolen des Planeten, an der Küste des nördlichsten Kontinents. Eine zauberhafte Gegend.
Den Schleichweg unter der Stadt kannte ich noch aus früheren Zeiten, als ich damals zufällig einen nagelneuen elektronischen Text kaufen wollte und feststellte, dass ich nicht genug Guthaben hatte. Eine kuriose Geschichte. Den Text entwendet und blitzschnell auf meine Armbanduhr transferiert, rannte ich aus dem Laden, weiß Gott warum, es war niemand hinter mir her. Ich lief bis zum Park, noch ein Stück weiter, ins Parkhaus rein. Dort stieg ich hinter unverschlossener Tür eine Leiter hinunter, dann noch eine und schon fand ich mich nicht mehr zurecht, war mitten in einem Irrgarten unter der Stadt gelandet. Versuchte mir die Wege für später zu merken und lief einfach weiter, mal links abgebogen, dann wieder rechts und dann tatsächlich: Eine Leiter, die nach oben führte. Aus der Lucke ausgestiegen bemerkte ich, ich war nicht weit von meiner Schlafgelegenheit entfernt. Während ich mich auf den Weg machte, verfasste ich in Gedanken einen kleinen Essay „Warum ich J. I. ein Buch schulde“ als wäre das eine Art Ausgleich.
Jedenfalls, der Schleichweg unter der Stadt, den ich mittlerweile kannte wie meine Westentasche. Von hier aus waren alle zentralen Knotenpunkte zu erreichen. Ich lief und kletterte bis ich am Nordausgang angelangt war und stieg am alten Bahnhof aus. Hier kannte ich einen älteren Herrn, der mit seinem Geschäft mitten im Nirgendwo herumstand und Zitronen verkaufte. Er hat mir nie sein Geheimnis verraten, aber die Leute kamen von überall her um diese blöden Zitronen zu kaufen, fuhren extra raus bis zu den alten Bahngleisen, die keiner mehr nutzte.
Der kannte sich aus. Wenn man in der Stadt irgendetwas oder irgendjemanden suchte, der Zitronenmann wusste Bescheid und gab Auskunft. Ich grüßte freundlich, kaufte eine Zitrone und plauderte ein wenig, schon war ich auf dem neusten Stand. Ob er von einem alten Eierautomaten gehört hatte, irgendwo im Zentrum der Altstadt. Ja, da war was, gerüchteweise sollte so ein Ding bei den Spielplätzen für Mutanten stehen. Irgendwo am See. Was es damit auf sich hatte wusste er auch nicht genau, die Mutanten benutzen ihn jedenfalls nicht. Ich erkundigte mich nach dem Weg und war schon wieder weg, die Bootskates auf Höchstgeschwindigkeit. Bis zur Altstadt war es nicht weit. Vorwiegend lebten hier die Mutanten, es hatten sich allerdings auch ein paar Menschen und sogar ein, zwei Echsen niedergelassen. Es gab kaum Berührungspunkte, die Mutanten und die Menschen lebten nebeneinander her, man hatte seine eigenen Supermärkte, Kindergärten und allerlei Einrichtungen bis hin zu zwei separaten Stadtverwaltungen, die die Anwohnerangelegenheiten regelten.
Und da stand er auch schon, direkt am Eingang des Spielplatzes am See, zugewachsen mit Efeu und Wildblumen. Ich beschloss abzuwarten und das fremde Wesen eine Weile lang zu beobachten, ließ mich in einem Tretboot nieder und wartete.
Ich wartete und wartete bis zur Nacht und es tat sich nichts. Mutanenkinder liefen umher, sogar ein paar Menschen hatten sich hierhergewagt, immer schön abseits. Schließlich wurde es dunkel, die Beleuchtung ging an und Stunden später wieder aus, es war nun mitten in der Nacht. Zum Glück hatte ich meine Taschenlampe dabei. Und schließlich doch – kurz bevor es wieder hell wurde kam ein Mensch vorbei, ein junger Bursche in einem kleinen BFO, sprang hinaus, fummelte in seinen Taschen nach dem Schlüsselbund. Damit schloss er das Ding auf, murmelte, sortierte irgendwas im Inneren des Automaten und schon brauste er wieder davon. Das war es also: Es musste um den Schlüssel dieses jungen Mannes gehen, der Zitronenmann hatte so etwas schon angedeutet, ein Schlüssel, der alle möglichen Automaten quer durch die Galaxien öffnete. Warum er sich damit ausgerechnet an diesem zu schaffen machte war mir nicht klar, ich vermutete aber, es musste sich etwas in seinem Inneren befinden, das es wert war, hin und wieder danach zu sehen. Ich wusste nicht, wann er das nächste Mal vorbeikommen wollte, richtete mich aber darauf ein, in der kommenden Nacht wieder auf der Lauer zu liegen.
Ich wartete lange. Im Dunkeln wurde mir etwas bange, aber diesmal hatte ich für Ausrüstung und Proviant gesorgt, wartete um die Ecke in meinem BFO, bereit ihm zu folgen. Ich wartete insgesamt drei Tage bis er endlich wieder auftauchte. Wieder der gleiche Ablauf: sprang aus dem Fahrzeug, werkelte am Automaten, brauste davon. Ich hinterher, mit genug Abstand, so dass ich ihm nicht auffiel. Er schien den Planeten gar nicht verlassen zu wollen wie ich zunächst angenommen hatte, fuhr durch die Altstadt vorbei an den Mutantenvillen, vorbei an der alten BFO- Werkstatt und der kleinen Menschensiedlung im Osten. Hielt schließlich an einem kleinen Laden und ging hinein. Das war meine Chance.
Er hatte den Schlüssel stecken lassen. Und am Schlüsselbund baumelte der eine Schlüssel, den ich so dringend haben wollte. Blitzschnell lief ich hinüber, öffnete die Tür, langte nach dem Schlüsselbund und rannte zurück in mein eigenes BFO. Den Motor angeschmissen raste ich davon, im Rückspiegel gerade noch sehend wie der junge Mann fluchte und schrie. Mir wurde ganz anders als ich ihn so auf und ab springen sah und ich beschleunigte noch ein wenig.
Ich fuhr quer durch die Stadt, imaginäre Verfolger abschüttelnd, denn dass ich nun tatsächlich im Besitz beider Gegenstände war, machte mich etwas nervös. Schließlich fühlte ich mich sicher genug, parkte in einer ruhigen Seitenstraße. Lehnte mich erst einmal zurück und atmete tief durch. Ich hatte es wirklich getan. Aufgrund zufällig aufgeschnappter Gerüchte hatte ich zuerst bei dem merkwürdigen Kartenspiel mitgemacht und nun auch noch einen jungen Menschen um seine gesamten Schlüssel erleichtert. Ich holte die Karte hervor und sah mir beide Dinge genau an, versuchte eins in das andere zu stecken, sie aufeinanderzulegen, irgendwie zu kombinieren.
Nach einer Weile gab ich auf und beschloss, eine Nacht darüber zu schlafen. Genug Aufregung für einen Tag, eigentlich für eine ganze Woche. Ich entschied, bei Hilde zu übernachten. Das BFO auf Kombimodus, flog ich von der nächsten Andockstation los.
Die ganze Großfamilie hatte sich zusammengefunden, das Haus war rappelvoll bis auf den letzten Winkel und doch fanden sie immer noch ein Plätzchen für jeden Freund, der vorbeikam. Und von denen gab es reichlich, im Haus herrschte ein ständiges, freudiges Kommen und Gehen. Regeln gab es wenige, Punkt eins hatte man zu Tisch zu erscheinen, ebenso wie um neun Uhr abends im kleinen Salon, wie sie es nannten.
Mutter Gertrude machte mir auf und bot sofort Reste vom Abendessen an. Zwang mich, ein paar Brote zu essen und schickte mich ohne weiter nachzufragen ins Bett. Diesmal schlief ich auf dem Dachboden zusammen mit einem der Cousins, ein hochnäsiger, Geige spielender Bursche, den ich nicht besonders gut leiden konnte. Man ging sich aus dem Weg, bei dieser immensen Menschenansammlung ein problemloses Unterfangen. Nach dem Zähneputzen klopfte ich bei Hilde, drei Mal ganz leise, denn in seinem Zimmer übernachteten noch zwei weitere Verwandte. In seinem viel zu großen Schlafanzug öffnete er die Tür nur einen Spalt breit um kein Licht aus dem Flur rein zu lassen. „Alter“ flüsterte er „du kommst aber spät. Alles in Ordnung?“ „Im Großen und Ganzen. Reden wir morgen, ich wollte mich nur bei dir anmelden. „Nett von dir, mich extra zu wecken. Na gut. Dann gute Nacht“ und mit diesen Worten schloss er die Tür vor meiner Nase zu.
Die meiste Zeit über lag ich wach und hörte dem Geigencousin beim Schnarchen zu. Wie so oft kreisten meine Gedanken um die letzten Rennen, dann die merkwürdige Karte und den Schlüssel, dass ich schon lange nicht mehr hier gewesen war fiel mir plötzlich auf, und dass Mutter Gertrude gealtert war. Mit den Augen suchte ich die vertrauten Balken an der Decke ab. Ich hatte Glück, dass wieder einmal eine der vielen Familienfeiern anstand und Hilde sich überhaupt hier aufhielt, in letzter Zeit war er daheim an einem seiner Projekte versackt und war kaum noch dazu zu bewegen, mit mir das Haus zu verlassen. Familienfeiern jedoch verziehen keine Abwesenheit, man hatte zu erscheinen und basta. … Hilde war eines von vier Kindern und, kurz gesagt, es war immer ziemlich voll. Bei all der Sozialisierung fragte ich mich immer, wie da so ein Eigenbrödler wie Hilde überhaupt entstehen konnte. Aber wäre da nicht seine äußerst charmante Art, ich hätte mich wahrscheinlich nie mit ihm angefreundet. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Bleiben wir noch eine Weile bei dem sagenhaften #7, ein angebliches Paralleluniversum. Wobei ich zugeben muss, natürlich war sogar den wenigen Anhängern dieser Theorie klar, dass diese gründlich widerlegt worden war, an Paralleluniversen glaubte man längst nicht mehr. Für mich blieb da immer ein Funken Verwunderung, es war alles einfach viel zu logisch, viel zu perfekt. Konnte es tatsächlich sein, dass wir schon alle Geheimnisse entschlüsselt hatten, war da wirklich nichts mehr übrig? Das schien eine zugleich traurige wie beruhigende Vorstellung zu sein. Vielleicht war ich deshalb so versessen auf diese Gegenstände gewesen, etwas Geheimnisumwittertes in dieser ansonsten so reibungslos funktionierenden Welt.
Am nächsten Tag suchten wir Pepe auf und zeigten ihm meine Errungenschaften. Ich ließ die Standpauke über Gefahren des Weltalls über mich ergehen und brannte darauf zu wissen, ob an den Gerüchten etwas dran war. Pepe kramte lange in seiner Schublade. Schließlich holte er einen uralten, verstaubten Datenträger hervor und murmelte „Das sind die Karten“. Er hatte tatsächlich eine riesige Sammlung an Karten von allen Orten angefertigt an denen wir jemals gewesen waren. Skizzen von Gegenden, die wir auf unseren Erkundungstouren durchs All noch aufsuchen wollten. Notizen zu jeder Stadt und jedem Gebiet. Mit einem Schlag wurde mir klar, wie wertvoll und wichtig so eine Kartensammlung für uns war und fragte mich kurz, warum er damit nicht früher rausgerückt war, aber so war er nunmal. Schweigsam, immer irgendwie leicht abwesend, versunken. Aber was das nun mit #7 zu tun haben sollte.. „Die Karte ist eine Karte“ „Hä?“ „Deine Spielkarte. Da ist ein Chip, siehst du, hier. Und jetzt nur noch da rein.“ Er schob die Karte in das Lesegerät an seinem Rechner „Und da ist sie“ Da war sie, eine mir gänzlich unbekannte Stadt. „Woher hast du das gewusst?“ „Ich habe davon gelesen. Also, das ist die Karte der Stadt wo der Automat stehen soll, der #7 aktiviert. Da ist was eingezeichnet.“ Wir starrten alle auf den Monitor. „Stimmt, ein Kreuz. Ha, wie bei einer Schatzsuche“ Hilde war sofort Feuer und Flamme. „Wie finden wir heraus um welchen Planeten es sich hier handelt, welches System…“ „Da hilft nur ein Abgleich. Mit den bestehenden Karten.“ „Manuell?“ „Ich schreibe ein Programm.“
Es sollte zwei Tage dauern bis das Programm durchgelaufen war, wir verglichen mit allen Datenbanken, die uns einfielen und natürlich mit unserer eigenen, wo wir letztendlich auch fündig wurden. Auf #3, nicht weit von meiner Heimatstadt entfernt, sollte sich ein Planet befinden, der ausschließlich von den Krzyp-Mutanten bewohnt war. Von da an war es ein Kinderspiel. Schnell ein paar Sachen gepackt und mit dem BFO rübergedüst.
Es war ein winziger Planet mit gerade mal fünf Städten, der Rest bestand aus den hügeligen, grünen Naturparks, in denen zahllose Wildtiere lebten. Wir besorgten uns die entsprechende Schutzausrüstung und machten uns auf den Weg in die Felslandschaft, wo der Automat stehen sollte. Es war eine elende Kletterei. Schließlich kamen wir an dem Felsen an, der auf unserer Karte eingezeichnet war und siehe da, dort stand eine Kapsel. Eine Art Ladestation für Roboter, allerdings war diese hier leer und schon seit Ewigkeiten nicht mehr benutzt worden, das konnten wir an den Daten ablesen, die die Kapsel übermittelte. Das machten diese Dinger damals noch automatisch sobald sich ihnen ein Lesegerät näherte. Ich nahm den Schlüssel, versuchte sie damit zu öffnen und es klappte. Gespannt warteten wir darauf, dass etwas passierte, doch es geschah einfach gar nichts. Nicht ein bisschen, kein Lüftchen regte sich. Wir standen noch eine Weile da und fuhren ziemlich enttäuscht nach Hause. Ja, so ist das mit den Paralleluniversen. Nach einiger Zeit kamen wir zu dem Schluss, dass es sich hier um eine Art modernes Spiel handeln musste, ein Zeitvertreib mit Rätseln, Spielen und Schatzkarten. Ich fuhr jedenfalls lieber weiterhin Rennen. Den Schlüssel und die Spielkarte behielt ich als Andenken oder, wer weiß, vielleicht hatte ich die Hoffnung auf ein Paralleluniversum noch nicht ganz aufgegeben.