Wunschdenken 8: das Schiff

Tatsächlich steuerte er ziemlich zielgerichtet durch den Garten, die Straße entlang und bog in eine der Seitengassen, wo so etwas wie ein BFO stand, ein schäbiges altes Modell, selbst zusammengezimmert aber nicht wie meins, völlig ohne Stil und Verstand war gerade einmal das Notwendigste stümperhaft drangeschraubt. „Damit sollen wir doch nicht fahren?“ fragte ich und überlegte, was er eigentlich vorgehabt hatte bevor er mich traf, wie sah denn sein doller Rettungsplan für das Schiff überhaupt aus, wirklich viel Nützliches schien er nicht aus dem Häuschen mitgenommen zu haben. Ein bisschen Plasma, grünliche Paste für Spezialflugzeuge wie er mir erklärte, ein paar wertlose Werkzeuge und ein verstaubtes altes Kästchen über das er sich sehr zu freuen schien – immer wieder streichelte er unbewusst seine linke Brusttasche, wo er es verstaut hatte. „Das ist ja lebensgefährlich“ fauchte ich und warf mit einem Schwung die Tür auf. „Ich fahre“. Setze mich ans Steuer und schloss seine alte Schrottkiste mit meinem Universalflexischlüssel im Nu kurz. Ohne ein weiteres Wort setze er sich neben mich und dirigierte mich durch die Straßen. Durch das Industriegebiet fuhren wir zumindest durch und ich konnte die große Plasmatankstelle kurz von Nahem betrachten. Im Schaufenster waren die neusten singenden Waschmaschinen ausgestellt, ebenso wie die interaktiven Plasmapumpen, die ich natürlich schon längst besaß. Mir war schlecht und schwindelig nach dem verstaubten Fusel, ich drückte aufs Gas und versuchte mich auf das Fahren zu konzentrieren. Schließlich ging es aus der Stadt raus, auf langen dunklen Feldwegen bis zum Wald. Hier begann es. Unheimlich genug waren die Bäume und riesigen Ranken in der Dunkelheit, wenn ich noch daran dachte, dass wir uns gleich noch tiefer hineinbegeben würden, war mir ganz anders. Ich biss die Zähne zusammen bis mir der Kiefer wehtat, so gestresst war ich mittlerweile, versuchte, dies nicht zu zeigen und fuhr einfach weiter.
Da waren wir also, inmitten des brodelnden Sees, auf der schmalen Spur die hier entlangführte, rechts und links zischende, gluckernde Flüssigkeit.
Ich traute meinen Augen kaum- da stand es, ein riesiges Schiff. Sie hatten den Anker ausgeworfen, eine Verzweiflungstat wie mir schien, denn das Schiff senkte sich bedrohlich nach rechts. Der Anker selbst war in einem der Bäume gelandet und hing da nun völlig hilflos und halb in der Luft. Die Steuerbordseite lehnte an dem schmalen Pfad, sichtlich mitgenommen durch den Aufenthalt im Todessee. Ich hielt direkt vor der Schiffsplanke die sie als Eingang benutzen. Der Zwerg sprang aus dem BFO uns stapfte das morsche Holz hinauf aufs Oberdeck. Den schweren Rucksack schleppend schlich ich hinterher und staunte abermals: Das gesamte Schiff, so unscheinbar und alt es auf den ersten Blick gewirkt hatte, war ein hochmodernes, technisch extrem weit fortgeschrittenes Modell. In jedem Schiffmast steckte allein schon so viel Technik, dass mir ehrfürchtig wurde. Nun verstand ich auch, wie er seine Besatzung einfach so sich selbst überlassen konnte – sie bestand ausschließlich aus Robotern. Meine Augen gewöhnten sich langsam an das Licht der Riesenglühwürmer und ich hatte auch den Gedanken verworfen, dass sich so ein Viech jederzeit auf uns stürzen und uns fressen würde, offenbar waren sie absolut nicht an dem Schiff oder an uns interessiert.
Ich musste mich beeilen, um mit dem Kleinen Schritt zu halten, so schnell rannte er über das Deck bis zur Kapitänskabine. Mir fiel wieder ein, dass ich sauer war und ich setze eine beleidigte Miene auf. Vergaß ganz schnell wieder alle Bemerkungen, die mir durch den Kopf gingen als ich in der Kabine stand, denn hier bestand alles nur aus Lämpchen, Kabeln und Schaltern. Ein Miniaturroboter auf dem Tisch blinkte immer wieder mit den Augen und der Kapitän, nachdem er all seinen Kram in eine Ecke geschmissen hatte, stolperte hinüber und drückte auf einen Knopf auf der Nase. Ich tat es ihm gleich, nahm Rucksack und Mantel ab und stellte mich neben ihn, drauf und dran etwas zu sagen, wütend und fasziniert zugleich. Eine Stimme kam aus dem kleinen Männchen, etwas knirschend, verkündete sie in der Sprache der Krzyp, dass die bestellten Ersatzteile mittels Drohne zu den angegebenen Koordinaten unterwegs waren. Der Regen und die Müdigkeit steckten mir noch in den Knochen, ich setzte mich an das Armaturenbrett was der Zwerg mit einem verkniffenen Blick kommentierte. „So, was nun?“ „Wir müssen in den Maschinenraum. Rosie wird dir dort alles zeigen.“
Wir stiegen eine schmale Treppe hinab, bogen in den Gängen hier und da ab, kletterten schließlich eine Leiter hinunter und standen im Maschinenraum. Überall zischte es und roch nach Öl und Teer. Mittendrin stand Rosie der Maschinenraumroboter und überprüfte scheinbar die Funktion seiner eigenen Räder. „Was machst du denn da?“ fragte der Kapitän. „Meine Räder rosten. Ich brauche neue. Aus Flumetall, dann passiert so etwas nicht“ eröffnete die Blechbüchse. Es schien eins der neueren Modelle zu sein mit den typischen bunten Streifen an den Extremitäten. Ein Hausroboter, der in der Lage war, einfach alles zu bewerkstelligen, von köstlichen Gerichten, die er in seinem Inneren zubereiten konnte bis hin zu komplizierten technischen Arbeiten, je nachdem, wie man ihn einstellte. Dieser hier war nun also Chef des Maschinenraums, praktisch, denn, wie mir der Zwerg erklärte, brauchte er vor Rosie bis zu fünf Roboter um alles flott zu halten, dieser hier erledigte alle Aufgaben alleine. „Völlig versessen auf ihre Arbeit die Dinger und nicht so frech wie das Modell davor“ lobte er. „Gut, also, was läuft hier falsch?“ ich ließ mir das Problem erklären und verstand rein gar nichts, genau wie ich befürchtet hatte. Dass wir noch sowieso auf die Ersatzteile warten müssten, warf der Roboter ein. Das würde mir etwas Zeit verschaffen, dachte ich, setzte eine wichtige Miene auf und fand, dass ich hier erstmal gar nichts tun könnte bis die Teile eingetroffen waren. Der kleine Kapitän stimmte mir zu und willigte ein, mir eine Kajüte zu zeigen, wo ich mich für die nächsten Tage einrichten durfte. Schnell noch meinen Kram aus der Kapitänskabine geholt, folgte ich ihm bis zu einem winzigen, schaukelnden Räumchen auf dem oberen Deck. Vom Fenster aus konnte ich weit über den See blicken, erleuchtet durch das Licht der Glühwürmer schien er beinahe friedlich. Ich summte die Krzyp-Hymne, eine sehr eingängige Melodie, und räumte meine Sachen in den verwinkelten Schrank. Als letztes holte ich mein kleines Funkgerät raus, ein Übertragungssystem der Linie Magnotes, klein wie eine Maus und mit einer Reichweite von über 10.000 Metern. Damit würde ich Hilde erreichen können wenn er sich noch im Umkreis befand. Ich funkte durch, ein Mal, zwei Mal.. und nichts passierte, die Leitung war still. Ich versuchte es auf ein paar anderen Frequenzen und fand wieder nichts bis auf ein Grüppchen Mutantenteenies die offenbar in der Stadt Verstecken spielten. Ich verwirrte sie ordentlich mit ausgesuchten Fehlinformationen und ging schlafen.